Die
britische Psychologin Susan Blackmore verficht eine raffinierte,
umstrittene Theorie: So wie Gene den Körper des Menschen modellieren,
werden unser Geist und die Kultur durch »Meme« geformt – durch all
jene Ideen und Informationen, die sich in Tönen, Büchern oder
Alltagsgegenständen materialisieren
Das Reihenhaus im
englischen Bristol, in dem Susan Blackmore mit ihrem Lebensgefährten
wohnt, hat den Charme einer etwas aus den Fugen geratenen
Studentenbude. Der Dielenboden knarrt, die Türklinken sind nur locker
eingepasst, es riecht nach Büchern. Die Hausherrin mit den
pinkfarbenen Strähnen im Haar trinkt Tee und fühlt sich sichtlich
wohl inmitten der überquellenden Regale. Viele der Werke zeugen von
Susan Blackmores früheren Forschungsgegenständen: dem Psi-Phänomen
und den Nahtod-Erfahrungen. Für eine Arbeit, die schließlich mit dem
Übersinnlichen brach, erhielt sie 1980 einen Doktortitel im Fach
Parapsychologie.
GEO: Frau Blackmore, sind Sie
tatsächlich vor einigen Jahren nach Wuppertal gefahren und haben dort
eine Glühbirne aufgegessen?
Susan Blackmore: Darauf werde ich oft
angesprochen. Es scheint mir gelungen zu sein, ein machtvolles Mem in
die Welt zu setzen. Damals untersuchte ich paranormale Vorgänge. In
Wuppertal fand eine Skeptiker-Konferenz statt, auf der ein indischer
„Entzauberer“ auftrat, der beweisen wollte, dass man eine Glühbirne
verspeisen kann. Ich sollte sie prüfen. Sie war zweifellos echt. Er
zerschlug die Birne mit einem Hammer und aß sie. Ich sagte: Was Sie können,
kann ich auch. Er stutz-te, aber dann gab er mir eine Birne und sagte:
Sie müssen das Glas gut zerkauen und dann mit viel Spucke
runterschlucken. Das tat ich. Als ich abends im Bett lag, dachte ich,
ich würde an inneren Blutungen sterben. Aber am nächsten Morgen ging
es mir prima.
Eine sehr drastische Art,
einen unglaublich erscheinenden Vorgang zu prüfen. Seither haben Sie
sich mit Dingen befasst, die nicht so handfest und materiell wie Glas
sind.
Falsch. Meme sind hundertprozentig
materiell. Sprechen Sie mir bitte nach: „Guten Tag“.
Guten Tag.
Sehen Sie, das sind Worte, Töne,
Vibrationen – materielle Dinge. Viele Menschen glauben, dass Meme
nur eine vage Idee sind. Aber sie sind viel mehr. Richard Dawkins hat
den Begriff „Mem“ schon 1976 in seinem Buch „Das egoistische
Gen“ erwähnt – als treibende Kraft der kulturellen Evolution.
Was genau ist ein Mem?
Der Begriff leitet sich ab von dem
altgriechischen Wort „mimeme“ für „das Nachgeahmte“. Was auch
immer nachgeahmt oder imitiert wird, ist ein Mem. Man könnte sagen:
Meme sind materialisierte Ideen, Informationen. Aber deutlicher als
diese Begriffe zielt das Mem-Konzept auf den Akt der Weitergabe. Alles
das ist ein Mem, was übertragen werden kann: von einer Person auf
andere Personen, von einer Person in ein Buch, von einem Buch in den
Computer – aber eben auch in die Welt der Alltagsgegenstände, der
Moden und Gebräuche. Dass wir in England Linksverkehr haben und Sie
in Deutschland Rechtsverkehr, die Vorliebe für Currywurst, die
Kleidermode – alles Meme.
Die Ähnlichkeit mit dem Wort
„Gen“ ist sicherlich kein Zufall.
In der Tat. Denn auch Meme unterliegen
der Evolution. Gene wie Meme sind „Replikatoren“ – Einheiten der
Weitergabe, die drei Bedingungen erfüllen müssen: Sie müssen
kopiert werden können; sie müssen sich verändern können, und sie müssen
der Selektion unterliegen, sodass nicht alle Varianten überleben. Wie
es bei den Genen eine Spanne von sehr einfach gebauten Erb-Einheiten
bis hin zu miteinander verbundenen Genen gibt, liegt der Fall auch bei
den Memen: Sie können so simpel sein wie Omas Kochrezept für
Pfannkuchen. Sie können sich aber auch zu Clustern zusammenballen.
Ich spreche dann von Memplexen. Religionen und wissenschaftliche
Theorien zählen etwa dazu.
Also ist letztlich alles ein
Mem?
Nein. Dann wäre die Mem-Theorie nutzlos.
Ein Baum oder ein Stein ist kein Mem; diese Dinge sind einfach da.
Bevor Menschen auf der Erde lebten und das Imitieren lernten, gab es
kein einziges Mem. Ein Gedanke, den Sie für sich behalten, ist
ebenfalls kein Mem, denn er kann sich nicht verbreiten.
Wozu brauchen wir denn die
Mem-Theorie? Inwiefern schärft sie das Bild vom Menschen?
Die Konkurrenz der Meme hat unseren Geist
und unsere Kultur geformt – so wie die natürliche Selektion der
Gene unseren Körper modelliert hat. Ich glaube, dass meine Theorie
das Wechselspiel dieser Prozesse schlüssig erklärt. Meme verändern
die Umwelt, in der Gene selektiert werden. Wenn ich aus dem Fenster
schaue, sehe ich all diese Häuser, Straßen und Autos. Wie das
Unkraut in meinem Garten wuchert, so haben sich Städte geradezu
wesenhaft über das Land verbreitet. Wir haben heute
Kommunikationswege, die wie Nervenbahnen sind, ein gewaltiges
interkontinentales Mem-System. Billionen Meme werden Minute für
Minute kopiert, mit raffinierten Geräten wie Mobiltelefonen,
DVD-Spielern und Computern. Die Informationsgesellschaft ist genau
das, was als Ergebnis einer memetischen Evolution zu erwarten war. Wir
sind die einzigen Kreaturen auf dem Planeten, die von zwei
Kopiermechanismen geschaffen worden sind, zwei evolutionären
Prozessen, die ineinander greifen.
Haben Sie Belege für eine Ko-Evolution
von Genen und Memen?
Um die Kopiermaschine Mensch leistungsfähiger
zu machen, müssen Meme Gene zwingen, immer bessere memverbreitende
Maschinen zu konstruieren. In unserer Naturgeschichte war das Gehirn
gezwungen, viel schneller und unter Inkaufnahme viel höherer Kosten
zu wachsen, als aufgrund des biologischen Vorteils allein zu erwarten
wäre – denken Sie nur an den hohen Energieverbrauch des Hirns oder
das Geburtsrisiko aufgrund des großen Kopfes menschlicher Babys. Es
ging eindeutig auch um den Vorteil der Meme. Darum habe ich
prognostiziert, dass jene Hirnregionen des Menschen, die größer sind
als etwa bei Schimpansen, für das Imitieren zuständig sein sollten.
Genau das hat sich jüngst
herausgestellt.
Ein anderes Beispiel für Ko-Evolution
ist die Partnerwahl: Bevor Meme in die Welt kamen, haben unsere
Vorfahren ihre Partner danach ausgewählt, ob sie über Macht und
Fortpflanzungsfähigkeit verfügten. Das gilt auch heute noch, aber
gerade gut ausgebildete Männer und Frauen wählen ihre Partner auch
aus memetischen Gründen. Gute Mem-Imitatoren und -Verbreiter – vom
Künstler bis zum Karriere-
Politiker – wirken einfach anziehend. Das Äußere dieser Menschen
zeigt dabei mitunter nicht einmal „gute Gene“ an. Gene und Meme
arbeiten also durchaus auch gegeneinander.
Läuft da nicht etwas
verkehrt?
Gegenfrage: für wen verkehrt? Der Zölibat
ist vom genetischen Standpunkt aus gesehen in der Tat sinnlos. Er
unterdrückt die Verbreitung von Genen. Aus memetischer Sicht ist er
hingegen höchst sinnvoll, denn katholische Priester können sich mit
ganzer Kraft der Verbreitung des Glaubens widmen. Oder nehmen Sie die
Geburtenkontrolle. Sie gibt Frauen mehr Möglichkeiten, sich
weiterzubilden, mehr Meme aufzunehmen und zu verbreiten, inklusive
derer für Geburtenkontrolle. Das wirkt ganz eindeutig der Verbreitung
von Genen entge-gen. Viele Menschen sind heute stärker im Griff der
Meme als im Griff der Gene: der Wissenschaftler, der all die neuen
Arbeiten lesen will; der Werbemanager, der Hunderte Ideen sichten
muss; der Computerbesessene, der sich eine noch größere Festplatte
einbaut.
Welches war das erste Mem in
der Menschheitsgeschichte?
Schwer zu sagen. Ich vermute, dass die
ersten Meme vor zweieinhalb Millionen Jahren auftauchten. Es muss so
lange her sein, denn Steinwerkzeuge sind Meme. Sie herzustellen, kann
man nicht für sich allein lernen. Hier spielt Imitation eine
entscheidende Rolle. Solange sie vorwiegend gestisch-mimisch geschieht,
bleibt die Zahl der Meme beschränkt. Erst die Entwicklung der Sprache
vor rund 30000 Jahren hat die Verbreitung der Meme revolutioniert.
Alle heutigen Meme sind
demnach Varianten der Ur-Meme?
In der gleichen Weise, wie unsere Körper
die Resultate von Varianten der ersten Partikel Erbsubstanz sind, die
vor Jahrmilliarden in einer Art Ursuppe entstanden sind.
Katastrophen wie der
Meteoriteneinschlag vor 65 Millionen Jahren, der die Dinosaurier
ausgelöscht hat, oder der Terror vom 11. September haben doch etwas
ganz Neues hervorgebracht.
Der Meteorit hatte dramatische
Auswirkungen auf die Gene. Die Dinosaurier konnten sich nicht
weiterverbreiten. Stattdessen haben sich die Säugetiere durchgesetzt;
deren Gene waren schon länger vorhanden, nur waren sie nicht
erfolgreich. Ganz ähnlich nach dem 11. September: Das
„In-den-USA-bin-ich-sicher“-Mem hat einen schweren Rückschlag
erlitten, während das im Prinzip ja längst vorhandene „Angst-vor-Terroristen“-Mem
sich erfolgreich verbreitet hat.
Haben Meme eigene Interessen?
Lenken sie Prozesse in eine bestimmte Richtung?
Meme haben weder bewusste Absichten noch
streben sie danach, etwas zu tun. Wenn ich sage, dass eine Melodie
versucht, sich weltweit auszubreiten, dann meine ich damit nicht mehr,
als: Meme, die sich gut kopieren lassen, verbreiten sich –
andernfalls werden sie verdrängt oder sterben aus. In diesem Sinne
kann man davon reden, dass Meme kopiert werden „wollen“, egal
welche Konsequenzen das für sie und mich, für unsere Gene oder den
Planeten hat. Ein Computer-Virus kann ein ebenso erfolgreiches Mem
sein wie eine wertvolle wissenschaftliche Erkenntnis. Ein Lied wie
„Jingle Bells“ breitet sich möglicherweise deshalb aus, weil es
gut klingt – aber es ist nicht besonders nützlich und kann einem
definitiv auf die Nerven gehen. Genau solche Phänomene untersucht die
Mem-Theorie: Warum schwirren uns bestimmte Melodien im Kopf herum?
Warum können wir nicht aufhören zu denken? Warum reden wir so viel?
Dennoch halten viele
Wissenschaftler die Mem-Theorie für nicht viel mehr als intelligente
Spinnerei. Akzeptieren wollen sie sie erst, wenn ein biochemischer Träger
für Meme im Gehirn gefunden worden ist – so wie die DNS in den Körperzellen
der Träger für die Gene ist.
Zu Darwins Theorie haben auch viele
Zeitgenossen gesagt: Irgendwie hat er zwar Recht, aber wie soll man
die physische Basis der Vererbung finden? Dass es eines Tages möglich
sein wird, in einem derart veränderbaren System wie dem Gehirn die Träger
einzelner Meme zu lokalisieren, halte allerdings auch ich für
unwahrscheinlich.
Gemeinhin gilt eine Theorie
nur dann als sinnvoll, wenn sie zumindest theoretisch widerlegt werden
kann. Für die Mem-Theorie scheint das kaum denkbar.
Es ist durchaus möglich, wenn auch in
einer eher trivialen Art. Wenn zum Beispiel die Noten-folge von
Beethovens fünfter Symphonie in einem versiegelten ägyptischen Grab
entdeckt würde, wäre die Mem-Theorie eindeutig widerlegt. Denn je-des
Mem benötigt eine eindeutige Abstammungslinie, die keine
jahrhundertelangen Lücken aufweisen darf.
Meme können nicht aus dem
Nichts auftauchen – aber können sie endgültig verschwinden?
Ja, denken Sie zum Beispiel an die
Bibliothek des antiken Alexandria. In ihr lagerten Schriftrollen, von
denen es heute keine Kopien mehr gibt: Das sind Meme, die
unwiderruflich verschwunden sind. Viel häufiger geht es allerdings
nur darum, ob bestimmte Meme zugunsten anderer in den Hintergrund gedrängt
werden. Zum Beispiel geht es in der aktuellen ökologischen Debatte
darum, welches Mem stärker sein wird – das des Kyoto-Protokolls
oder das der Ausbeutung der Natur um jeden Preis.
Wer steuert den Prozess der
soziokulturellen Entwicklung: Ist es der Mensch oder sind es die von
ihm geschaffenen Meme?
Menschen sind „Mem-Maschinen“, wie es
im Titel der englischen Ausgabe meines Buches heißt: Maschinen, die
Informationen kopieren und rekombinieren. Meme liefern den Antrieb,
der hinter allem steht, was wir tun. Der Tyrannei der Meme zu
entfliehen, ist kaum möglich.
Das klingt, als hätten Sie
es selbst einmal versucht.
Oh ja, immer wieder. Erst kürzlich war
ich auf einer abgelegenen Farm in Wales. Kein Strom, kein Gas, kein
Telefon; ich meditierte tagelang. Im Zen-Buddhismus gibt es so etwas
wie Mem-fressende Meme, und ich bemerkte tatsächlich, wie einige Meme
aus meinem Kopf verschwanden. Ich entdeckte auch, dass ich die
Initiative verlor, dass die Dinge nur noch geschahen. Wenn Meme gehen,
wenn man die Gedanken fließen lässt, schweigt, in der Natur ist,
dann löst sich das Ich auf. Das ist mein Weg, inmitten einer Mem-überladenen
Welt zu leben, die uns vorgaukelt, dass wir wichtig sind – eigenständige
Ichs, die ihr Leben kontrollieren, die ein Bewusstsein und einen
freien Willen haben. Das alles halte ich für eine gewaltige Illusion.
Reproduced with permission.